Schulterschmerzen verstehen: Das „Impingement"-Missverständnis
„Da ist etwas eingeklemmt" – so wird Schulterschmerz seit Jahrzehnten erklärt. Die moderne Forschung zeichnet ein anderes, deutlich ermutigenderes Bild.
Der Arm geht über Kopf, und es zwickt. Bankdrücken, Überkopfwürfe, Schwimmen, Streichen der Zimmerdecke – und plötzlich meldet sich die Schulter mit einem ziehenden Schmerz an der Außen- oder Vorderseite. Die Erklärung kommt oft prompt: ein „Impingement", also ein Einklemmen der Sehne unter dem Schulterdach. Dieser Begriff prägt das Denken über Schulterschmerzen bis heute. Doch er führt häufig in die Irre – und mit ihm die Vorstellung, was nun zu tun ist.
Was mit „Impingement" gemeint war
Die klassische Idee dahinter: Unter dem knöchernen Schulterdach verläuft die Sehne der Rotatorenmanschette – jener Muskelgruppe, die den Oberarmkopf führt und stabilisiert. Bei bestimmten Bewegungen, so die Annahme, werde diese Sehne im engen Raum eingeklemmt und gereizt. Der Schmerz sei also ein mechanisches Klemmproblem, das man notfalls operativ „entlasten" müsse, indem man mehr Platz schafft.
Über viele Jahre war das die dominierende Erklärung. Inzwischen wird sie zunehmend hinterfragt.
Warum das Bild ins Wanken geriet
Mehrere Beobachtungen passen nicht zur simplen Klemm-Theorie.
Zum einen findet man typische „Auffälligkeiten" im Bildgebungsbefund – etwa knöcherne Anbauten oder einen vermeintlich engen Raum – sehr häufig auch bei Menschen, die überhaupt keine Schmerzen haben. Sogar Veränderungen der Rotatorenmanschette sind bei beschwerdefreien Personen weit verbreitet und nehmen mit dem Alter ganz normal zu. Struktur und Schmerz sind also längst nicht dasselbe.
Zum anderen zeigte sich in hochwertigen Studien etwas Bemerkenswertes: Eine Operation, die den Raum unter dem Schulterdach erweitern soll, brachte vielen Betroffenen keinen Vorteil gegenüber einem gezielten Übungsprogramm – teils nicht einmal gegenüber einem Scheineingriff. Wenn das „Schaffen von Platz" aber kaum besser wirkt, kann das Einklemmen kaum die alleinige Ursache sein.
Heute spricht die Fachwelt deshalb lieber neutraler von einem belastungsbezogenen Schulterschmerz rund um die Rotatorenmanschette – ein Begriff, der weniger eine fragwürdige Mechanik unterstellt und mehr die eigentliche Ursache trifft.
Was wirklich dahintersteckt
Im Kern geht es meist um ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit der Sehne und der umgebenden Muskulatur.
Wird die Schulter mehr oder anders gefordert, als sie gerade verkraftet – etwa durch einen schnellen Anstieg des Trainingsvolumens, viel Überkopfarbeit oder eine ungewohnte Belastung –, kann die Sehne gereizt reagieren. Auch eine über die Zeit abgebaute, wenig belastbare Muskulatur spielt eine Rolle. Der Schmerz ist dann weniger ein „Defekt" als ein Signal, dass die aktuelle Belastung die momentane Kapazität übersteigt.
Das ist eine gute Nachricht: Kapazität lässt sich aufbauen.
Die hartnäckigsten Mythen
Mythos 1: „Schonung heilt die Schulter." Oft ist das Gegenteil der Fall. Konsequente Schonung baut die Muskulatur weiter ab und verringert die Belastbarkeit – das Problem kann sich dadurch verfestigen. Was hilft, ist in den meisten Fällen das dosierte, schrittweise Belasten der Schulter, nicht das Stilllegen.
Mythos 2: „Der Knochen muss weg." Ein operatives „Platzschaffen" ist für die meisten belastungsbedingten Schulterschmerzen nicht der erste und oft gar nicht der nötige Weg. Ein strukturiertes Übungsprogramm ist die Behandlung der ersten Wahl – und für viele ausreichend.
Mythos 3: „Das MRT zeigt mir die Ursache." Bildgebung kann wichtig sein, aber ihre Befunde müssen vorsichtig eingeordnet werden. Da viele „Auffälligkeiten" auch bei schmerzfreien Schultern vorkommen, ist ein Befund allein noch keine Erklärung für den Schmerz.
Was hilft
✓ Dosiert belasten statt schonen. Die Rotatorenmanschette und die umgebende Muskulatur reagieren auf gezieltes, schrittweise gesteigertes Training mit mehr Belastbarkeit.
✓ Belastung steuern. Trainingsvolumen, Überkopfanteil und Intensität nicht sprunghaft erhöhen, sondern dem aktuellen Stand anpassen.
✓ Geduld mitbringen. Sehnen passen sich langsamer an als Muskeln. Fortschritt braucht Wochen, nicht Tage.
✓ Das Ganze betrachten. Auch Faktoren wie Schlaf, allgemeine Belastung und Trainingsgewohnheiten beeinflussen, wie empfindlich eine Schulter reagiert.
Wann du genauer hinschauen solltest
Nicht jeder Schulterschmerz gehört in dieselbe Schublade. Ärztlich abklären lassen solltest du ihn, wenn er nach einem deutlichen Sturz oder Unfall auftritt, wenn eine echte Kraftlosigkeit besteht und der Arm sich kaum noch heben lässt, oder wenn der Schmerz von nächtlichen Beschwerden und allgemeinem Krankheitsgefühl begleitet wird. Solche Zeichen brauchen eine gezielte Untersuchung.
Fazit: Kein Klemmproblem, sondern ein Kapazitätsproblem
Die Vorstellung der eingeklemmten Sehne ist eingängig – aber sie wird der Sache meist nicht gerecht. Schulterschmerz rund um die Rotatorenmanschette ist in den allermeisten Fällen kein mechanischer Defekt, der weggeschont oder weggeschnitten werden muss, sondern ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit.
Und genau das macht Mut: Wer die Schulter klug und schrittweise wieder belastbar macht, hat gute Chancen, den Schmerz nachhaltig loszuwerden – ohne den Umweg über Dauerpause oder voreilige Eingriffe.
BodyWorX-Tipp: Schulterschmerzen sind oft frustrierend, weil unklar bleibt, was man tun und was man lassen soll. Genau hier hilft eine gezielte Untersuchung: Wir klären, woher der Schmerz kommt, wie belastbar deine Schulter aktuell ist und mit welchem schrittweisen Programm du sie wieder stark und beschwerdefrei bekommst – statt nur abzuwarten. Bei Interesse zu diesem Thema melde dich bei uns und vereinbare einen Termin.

